GEORGIEN – KAUKASUS

Aktualisiert am 21. Juli 2010

der kreuzpass (grusinische heeresstrasse) ist die wichtigste nord
süd verbindung im kaukasus, zwischen europa und asien. oft ist er tagelang nicht passierbar. wer dann in die kasbek region auf der nördlichen seite will, steigt aus dem skigebiet in asien auf und fährt unglaubliche hänge nach europa ab.
läufer: dominik bartenschlager und michi stacheder

im april ist es hier unten in den tälern normalerweise schon sehr
frühlingshaft, es riecht dann nach wiesen, maronibäumen und nutztieren, die leute sitzen unweit der strasse in einer der vielen, kleinen restaurants unterm blätterdach. davon träumt wohl auch dieser hirte.

achi ist als einziger georgier bergührer des internationalen
verbandes, vor jahren tritt er mit einer hand voll anderen einheimischen bergsteigern an, um im eigenen land unter der leitung des schweitzer ausbildungsteams führer zu werden. als einer von 2 absolviert er erfolgreich alle prüfungen. die anerkennung des titels erfolgt aus politischen
gründen nicht. heute ist er nach neuerlicher ausbildung deutscher
bergführer. achi lebt mit seiner familie in freiburg/preisgau.
achitours.de bietet berg- und kulturreisenreisen in seine geliebte
heimat an.

Z. Djalagawia und G. Tschachawa waren architekten des russischen
konstruktivismus, 1976 bauen sie mit dem verkehrsministerium
in tiflis nicht zuletzt ein kraftzeichen sovietischer politik. jetzt steht
es als starrer zeitzeuge am hang über der grossen strasse entlang des flusses. in sichtweite werden deutsche luxuskarren verkauft, vorwiegend grosse schwarze geländewägen.

Shopping Mal

eine 60 tonnen schwere raupe schiebt im winter lawinen von
der kreuzpassstrasse. in diesem winter war hier wenig verkehr, die russische regierung liess den grenzübergeng einige km nördlich von kasbegi sperren, nachdem sich staatsmänner in tibilissi weigerten mehrere mutmassliche russische spione aus der untersuchungshaft frei zu lassen. die grosse erdgaspipeline
aus azerbeidjan verläuft an vielen stellen direkt neben der strasse,
als putin die lieferungen an weissrussland drosselt hat das einfluss auf den gesamteuropäischen energiemarkt.
fahrer: dominik bartenschlager

mirakulöses licht im oberen, 55° steilen teil der 1300m hohen
kasbek-südflanke während der ersten befahrung. fotographieren nur am seil. auf dem normalweg schon 1868 von engländern unter leitung eines chamonix-führers ohne schwierigkeiten erstbestiegen gilt der kasbek(5047m) als wiege des alpinismus der UDSSR, hier feiert auch der typische russische massen-alpinismus in den 20ern seine ersten glanzstunden. erste skibefahrung 1935 im zuge einer teilweisen kaukasus-längsdurchqueerung dreier österreicher. fahrer: dominik bartenschlager, michi stacheder (ski) und simon schels (snowboard)

die sozialistische regierung liess auf einem felsvorsprung am weg
zum kreuzpass ein denkmal zu 200 jahren georgisch-russischer “freundschaft” errichten. ein riesiger aussichtspunkt mit balkonen hoch über dem tal, gekrönt von einer riesigen kreisförmigen mauer mit mosaiken. achi lacht heute wenn er dabei freundschaft sagt.

Zweckentfremdung
Rider: Simon Schels

die gegend um den kreuzpass ist mit dem ausdruck “traumskigelände”
nur äusserst unzulänglich gelobt.
es gibt zwar akute pläne das einzige skigebiet “gudauri” um einige lifte zu
erweitern und das helikopter-skifahren (in schweitzer hand) soll weiter
ausgebaut werden, trotzdem wird man hier als “raufläufer” noch viele erste
spuren ziehen. das skigebiet ist zu flach und die helikopter noch zu gross, um
im anspruchsvollen gelände flexibel unterwegs zu sein.

Weil es billiger ist fliegen wir nicht direkt nach Tiflis (die Haupstadt Georgiens),sondern nach Trabzon (das ist im Osten der Türkei am Tchwarzenmeer) und nehmen von dort einen der Linienbusse die regelmässig zwischen Istanbul und Baku (Aserbaidschan) hin und her düsen (das sind ungefähr 3000km), um Menschen an ihren Arbeitsplatz zu bringen. Gute Idee. Die elf Stunden Fahrt waren recht kurzweilig, wir treffen wie noch so oft in diesen Tagen viele unheimlich herzliche Menschen underleben interessante Sachen, beispielsweise wie eine ganze menge Kartonkistenvor der Grenze aus-, in einen Transporter der “Gegenseite” um-, und nach der Grenze wieder eingeladen werden (wir gehen vorsichtshalber zu fuss über die Grenze, manche Busse stehen da recht lange. – wegen der Kartonkisten ?). Ausserdem finde ich es gut sich einem fremden Land etwas langsamer anzunähern.
Wir hatten auch ein Buch dabei für die Fahrt, “Als Bergsteiger im Kaukasus”,vom Flohmarkt. Da gings um Sportliches, um Heroisches und um Tragisches, um Staatsmänner aus Moskau, die bestimmt haben wann die Expeditionisten aus dem Basislager aufbrechen können, wie lange sie brauchen dürfen und wann sie um Kameraden trauern müssen. Das Buch war von 1960 oder so. Seitdem ist hier viel passiert. Georgien war eines der reichsten Länder der UDSSR. Es gab Wein, Früchte, einen Vergnügungspark hoch über der Stadt und große Pläne was den Tourismus angeht – und die Berge! (So ein bisschen Schweiz, denke ich mir). Die Berge, die gibts immer noch, die sehen noch so aus wie auf den, an den Rändern vergilbten Seiten mit den wahnsinns Schwarz-weissbildern. Ushba, Besingimauer, der Kasbek… . Dazwischen hat sich offensichtlich ein ganzer Haufen verändert. Die UDSSR bricht zusammen, es gibt Krieg. Eduard Schewardnadse kommt aus Russland zurück, und nach Jahren seiner Herrschaft liegt das landwirtschaftlich in Trümmern. Georgien ist wunderschön geblieben, mit seiner uralten Kultur und lebendigen Traditionen.
Wie damals schon, als seine heutigen Bewohner zu spät kamen zur Länderverteilung durch Herrn Gott, scheinen viele Georgier auch heute ihrem Leid mit freudigem tanz zu Begegnen. damals wurden sie mit dem Land belohnt, das Gott ursprünglich Für sich selbst ausgesucht hatte – heute steht das Geschenk noch aus. In der Hauptstadt Tiflis tanzen (und trinken) die vielen Studenten auch ohne viel leid. Wir fühlen uns bei ihnen schon am ersten Abend wie zuhause, tanzen mit und leiden am nächsten Morgen.
Es hätte eigentlich schon frühlingshaft sein sollen, der Winter ist auch im Kaukasus recht schneearm gewesen, und im April wirds hier normalerweise schon recht warm. Als wir aus dem Fenster rüber schauen zu dem Turm auf dem immer noch ein Stern oben drauf ist, schneit es. Das passiert hier unten auch im hochWinter nur sehr selten, bis wir am Nachmittag 3000m höher am Berg stehen hat es fast einen meter Powder.

Text und Bilder von Simon Schels www.laufrauf.com
Alle Rechte vorbehalten
Auszug aus dem Freiluftwerk-Magazin 07/08

Zum Thema:

  • Thumbnail

    Fjorde, Berge, Lyngen

    freeride-bergsteigen im hohen norden europas ………………… -mit ohne boot Letztes Jahr waren wir auf den Lofoten. Das war schon super. Und noch während dieses Trips war klar, wir werden wieder nach ... Zum Beitrag »

Schreibe einen Kommentar