Fjorde, Berge, Lyngen

Aktualisiert am 20. Juli 2010

freeride-bergsteigen im hohen norden europas ………………… -mit ohne boot

Letztes Jahr waren wir auf den Lofoten. Das war schon super. Und noch während dieses Trips war klar, wir werden wieder nach Norwegen kommen – und zwar nach Lyngen…
In der Zwischenzeit haben wir viel darüber gehört, fast waren wir ein bisschen abgeschreckt durch den Hype. Und ohne Boot bräuchte man da eh nicht hin.

Wir ließen uns trotzdem nicht beirren und endlich war es dann soweit: Flug ab München via Oslo nach Tromsø. Wir landen ‚mitten in den Bergen’ Nord-Norwegens. Wieder reisen wir in bewährter Gruppe – Stefan, Georg, Beni,
Basti, Simon und ich – mit dem Wohnmobil, auch wenn das etwas klein erscheinende ‚Bobil’ für uns sechs Touristen erst mal eine Herausforderung darstellt. Aufbruch nach Lyngen – bei der Fährüberfahrt erhalten wir einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf die Berge, die wir die nächsten beiden Wochen erkunden werden. Natürlich wollen wir nicht lange warten und nachdem wir noch schnell ein paar ‚Local-Infos’ eingeholt haben, starten wir auf die erste Tour. Mit offenen Armen empfängt uns die Lyngener Bergwelt und bietet uns sämtliche Facetten als Willkommensgruß: bei schönsten Wetter durchsteigen wir die Birkenwaldzone um bei nicht weniger gutem Wetter aber mit Wind in Orkanstärke dem Gipfel zuzustreben.

An den Wind werden wir uns noch gewöhnen… Aber auch die grandiose Aussicht lässt keine Wünsche offen: schroffe Berge, Gletscherplateaus kahlgefegt vom Wind, das Meer. Endlich reißen wir uns los und genießen die Abfahrt hinunter
zum Strand. Die nächsten Tage geben wir ordentlich Gas: anhaltend gutes Wetter und stabile Bedingungen, das wissen wir zu nutzen. Oftmals lange Anstiege, über gefrorene Seen und sanfte Gletscherbecken mit teilweise bizarren Lichtverhältnissen bringen uns den angestrebten Gipfeln näher. Steile Abfahrten gepaart mit gemütlichem Cruisen hinunter zum Fjord lassen die oft schwierig zu fahrenden Schneebedingungen vergessen. Zum Powdern fährt man wohl besser woanders hin… Aber das machen wir kulinarisch wieder wett. Unser Sterne-Koch Beni verwöhnt uns mit diversen Gaumenfreuden, ganz oben auf unserer Hitliste stehen natürlich lokale Schmankerl: frischer Fisch, Muscheln oder
auch Rentierfleisch.
Wir beschließen, auf jeden Fall noch ein „Steak-Biwak“ einzulegen. Nachmittags ziehen wir schwerstbepackt mit Holz, Fleisch, Getränken, Alpin- und Biwakausrüstung in die Gruppe der höchsten Gipfel von Lyngenhalvoya.

Bei unvergleichlicher Aussicht auf einer Schulter bauen wir unsere Biwak-Burg und entzünden ein Feuer. Steaks vom Grill und gemütliches Zusammensein am Lagerfeuer mit Freunden in den Bergen, ein tolles Erlebnis. Das überraschend gute Wetter am nächsten Morgen lässt Beni, Simon und mich noch weiter gen Gipfel streben. Wir haben eine eindrucksvolle Linie im Auge. Aufkommender Nebel am Gipfel zwingt uns, unseren Weg zum Einstieg mit Kompaß und Karte zu suchen. Zum Glück ist dort kein Nebel mehr und wir erkunden die vor uns liegende Rinne. Gesichert klettert Simon die ersten Meter ab ins Unbekannte, bis er fahrbares Gelände erreicht. Wir folgen rasch nach und sind schon jetzt tief beeindruckt von der vor uns liegenden Abfahrt. Bestimmt, aber dennoch vorsichtig fahren wir hinunter zum unter uns liegenden Gletscherbecken.
Etwa 1000 Höhenmeter bei konstanter Steilheit, eingezwängt zwischen eine Felswand und einer Mixedflanke. Auch die Eislawine am gegenüberliegenden Face steuert ihren Teil dazu bei, dies zu einer der eindrucksvollsten Abfahrten überhaupt werden zu lassen. Selbst das mühselige Herauskommen aus dem Tal ändert daran nichts. Nach einer Woche Sonnenschein schlägt schließlich das Wetter um. Wir genießen auch diese Zeit ‚am Ende der Welt’ und
verbringen sie mit Lesen, Schlafen, Kartenspielen und Essen, auch wenn der Sturm das Wohnmobil ordentlich durchrüttelt. Nachdem es nicht mehr ganz so arg ist, schaffen wir es sogar, den ein oder anderen Powderrun zu fahren. Aber es ist gefährlich geworden, wie immer bei der Kombination von Schneefall und Wind. Eine Franzosen-Gruppe erfährt dies am eigenen Leibe und kommt mit einem Verletzten noch glimpflich
davon. Wir beobachten die Hubschrauberrettung und wissen, der viel zitierte Satz „Mit den Lyngen-Alpen ist nicht zu spaßen!“ ist nicht weit hergeholt. Hochalpines Gelände, oft schnell wechselndes Wetter, Gletscher und stürmischer Wind, das fordert viel Erfahrung, Glück, und alpines Können und auch die sorgfältige Planung mit der Karte ist unabdingbar. – Trotzdem: Wir hatten Spaß! Auch ohne Boot. Wir möchten unsere Anteilnahme aussprechen; als wir wieder im Flugzeug Richtung Heimat saßen, ereignete sich ein weiteres Lawinenunglück, leider für einen Skifahrer tödlich.

INFORMATIVES

auf reisen sieht man immer wieder leute, die ununterbrochen ihre nase in ein dickes buch stecken, auf dessem titel „lonley planet“ steht. oft entsteht dann der eindruck, das diese leute etwas verpassen könnten. deshalb wollen wir nicht zuviele infos geben, sondern raum für eigene entdeckungen lassen. man fliegt am besten direkt nach tromsö wenn man auf lyngen skibergsteigen möchte. tromsö ist die
hauptstadt der provinz troms, hat 65.785 einwohner, ist seit 1803 bischofssitz, hat seit 1960 eine beeindruckende brücke auf das festland und beherbergt 2018 vielleicht die olympischen winterspiele. die region war bereits vor mehr als 8000 jahren besiedelt. den größten entwick- lungsschub erfuhr die heutige universitätstadt ab dem jahre 1789, als bergen das handelsmonopol für nordnorwegen verlor. in tromsö starteten bedeutende forschungsreisen zum pol, unter anderem die berühmten forscher amundsen und nansen. wer möglichst mobil unterwegs sein möchte, der kümmert sich im vorfeld um einen fahrbaren untersatz. am besten geeignet ist vielleicht ein wohnmobil, das man in tromsö mieten kann. damit kann man sich ohne probleme einige wochen umhertreiben, ohne eine tour zweimal gesehen zu haben. stellplätze findet man überall, dusche und sauna in diversen hotels oder im städtischen hallenbad von tromsö nahe des fussballstadions. alle die sich die mühsame tourenplanung ersparen möchten oder sich im durchaus nicht ungefährlichen gelände nicht 100%ig sicher fühlen, können einen lokalen guide nehmen oder genießen die berge vom boot aus zusammen mit einer gruppe gleichgesinnter.
für vergessene oder zu ersetzende ausrüstung findet man in tromsö zahlreiche und sogar in lyngseidet gutsortierte sportläden. den ein oder anderen touren- oder wettertip bekommt man dort meistens auch.
wie gesagt, zu viel soll an dieser stelle nicht verraten werden. nase in den wind und augen auf.

UNSCHARFE GEDANKEN

In so euphorischen momenten beschliesst man ja viel, wo man dann eigentlich selbst nicht so dran glaubt, besonders wenn man mehrere ist, gruppendynamik und so.  Jetzt ist´s aber tatsächlich so weit, jetzt fliegen wir tatsächlich wieder rauf. Unter uns gerade kopenhagen. bald oslo, und dann die unendlichen berge dieses seltsam langen landes. Sie sehen übertrieben plastisch aus, das flache licht modelliert sie heraus, scheint sie fast überformen zu wollen. trotzdem lassen sie sich von hier oben nicht einschätzen, es fehlt jeder bezugspunkt. Für viele tätigkeiten existiert in unseren köpfen so etwas wie „ das land schlechthin“, von dem man glaubt, man könne dort etwas ganz bestimmtes besonders gut machen. Wer ein beter ist, oder sogar ein würdenträger der kirche, der ist gerne in italien, vatikan und so – oder gleich jerusalem. Als koch vielleicht frankreich, kräuter der provence, und tellerwäscher ab in die USA! – Wäre man fotograf, sollte man auf jeden fall hier her wollen. Die sonne steht hier den ganzen tag tief, man hat immer das gefühl es sei später Nachmittag, auch wenn es eigentlich schon nacht ist, oder noch früh am morgen – oder mittags. Hier wartet man nicht auf das licht, das licht wartet auf dich. Und wäre man bergsteiger, sollte man auch hierher kommen. Wegen der berge. Und wäre man freerider Und fischer. Und koch. Und leser. Und segler. Und so weiter.
Wenn das gehirn überreitzt wird, dann kann man im kopf evtl. einen anfall kriegen, und wenn zu viele glückshormone und so adrenalinsachen ausgeschüttet werden, wird einem vielleicht schlecht. – Wir sind also immer bewusstlos kotzend unterwegs gewesen: wahnsinns couloir durch wahnsinns wand, mit wahnsinns seracs, drumherum wahnsinnsberge, unten wahnsinns fjord und drumherum wahnsinns wahnsinns
lichtstimmung, quasi als finish.
-zack schalter raus – kotz!
Manchmal da gibt’s schon so situationen. Da ist man dann haupsächlich damit beschäftigt, den gedanken daran zu verdrängen, dass die jetzige dann doch irgendwann einer weitaus weniger besonderen platz machen wird. Oder man wartet einfach auf den haken an der sache. – oder auch nicht. Auf jeden fall: irgendwann findet man, dass die situation vorbei ist, dann ist sie ein gebilde in unserer erinnerung. Ein höchst zerbrechlicher gegenstand mit der form dieses, von uns fetgelegten zeitabschnittes. Ich bin dann immer vorsichtig, mit beschreibungen und wertungen. Das ding könnte ja kaputt gehen. Irgendwie entzaubert man das ganze doch wenn man es in worte packt, -oder?
Aber in diesem fall komme ich nicht drum rum, also mut zusammengenommen und: „Ja, es waren die besten 2 wochen die ich bisher erlebt habe.”

lyngen-bericht_snow

Text: Michi Bauer, Basti Schels, Simon Schels
Bilder: Basti & Simon Schels www.laufrauf.com

Alle Rechte vorbehalten
Auszug aus dem Freiluftwerk-Magazin 08/09

Schreibe einen Kommentar