Best of Both – von Jacob Slot

Aktualisiert am 18. Oktober 2011

Patagonien ist bekannt aus unzähligen Geschichten über Schicksal, Ruhm, starke Winde, schlechtes Wetter und unerfüllte Träume. Für einen Alpinisten bedeutet diese Gegend eigentlich das perfekte, vorprogrammierte Desaster. Ich als Alpinist fühle mich trotzdem unwahrscheinlich davon angezogen und bin süchtig nach diesem Ort, der zum Klettern und Skifahren sicherlich einer der rauesten der Welt ist.  Aber wie kann ein Mensch nur nach so einem Ort süchtig sein?

Meine erste Reise nach Patagonien war in erster Linie eine Reise an den Ort, der am weitesten von zu Hausen entfernt lag. Damals landeten wir in Ushuaia im Westen Feuerlands, einer schnellwachsenden Touristenstadt, die auch als das Ende der Welt bezeichnet wird. Ich war magnetisch angezogen von den riesigen Gletschern des Cordillera Darwin-Gebirges. Auf dieser Reise hatte ich den ersten Kontakt mit den patagonischen Eisfeldern im Süden, und später mit dem rauen Gebirge im Norden. Seitdem bin ich auch gefangen von der Herzlichkeit der Menschen und den vielen Freundschaften und ich kann es kaum erwarten jedes Jahr wieder hierher zu kommen und mehr Zeit hier zu verbringen.

Gleichzeitig ist aber Zeit auch das Hauptproblem in Patagonien, bzw. nicht genug Zeit zu haben, wenn du ein Projekt hast und das Wetter einfach nicht mitspielen will.
Die Aussicht deine Ziele zu erreichen steigt jedenfalls, wenn du mehr Zeit zur Verfügung hast. Aus diesem Grund verbringe ich Jahr für Jahr mehr Zeit in Patagonien, wo ich mit dem Herzen zu Hause bin. Doch je länger ich in Patagonien lebe, desto größer werden meine alpinistischen Ziele und umso enger wird mein eigentlicher Zeitplan.
Aber ist es zu Hause wirklich so viel anders? Nehmen wir an, du entscheidest dich für eine Woche Freeriden in den Alpen – gibt es irgendeine Garantie für Powder? Nicht wirklich.
Wie viele Kletterer hoffen in Chamonix wochenlang auf gutes Wetter um einen der unzähligen Gipfel zu besteigen und wie viele Skifahrer warten jedes Jahr auf DEN richtig guten Powder-Run in St. Anton? Genau so ist es in Patagonien, wo ich gegen Ende meines Aufenthalts auch schon wieder auf diese ersten, magischen Wintertage mit frischem Powder in St. Anton hoffe.
Den Rest des Jahres verbringe ich nämlich in Startposition zum Powderfahren in meiner tatsächlichen Heimat St. Anton. Immer in der Hoffnung, das Beste aus beiden Welten für mich herauszuholen!
Die Dezembertage in St. Anton sind meine absoluten Favoriten. Wenn in der Abenddämmerung der erste Schnee in riesigen Flocken vom Himmel fällt, müssen Skifahrer erst mal tief einatmen. Die ersten einsamen Longlines im Jungbrunntobel, gefolgt von einem weiten, kupierten Hang und anschließend eine Abfahrt im lichten Tannenwald – das sind die besten Skitage des Jahres.
St. Anton am Arlberg ist als einer der besten Skiorte der Welt bekannt, aber ebenso berüchtigt dafür, dass Powderhänge schneller zerfahren sind, als der Schnee vom Himmel fallen kann. Vor allem die Hänge, die mit dem Lift schnell zu erreichen sind.  Warum fahren wir überhaupt in solche Skigebiete und kämpfen mit hunderten anderen Skifahrern um ein Stück Piste? Vielleicht, weil wir es gewohnt sind so eng aneinander zu leben.
Jedenfalls gibt es in den Alpen, also auch in St. Anton unendlich viele Möglichkeiten für innovative Skifahrer, Plätze die du in keinem Touren-Führer, oder sonst irgendwo finden kannst. Neugierde und Einfallsreichtum sind hier der Schlüssel!
Wenn du Skifahren als Abenteuer siehst, ist es wertvoller, neue Lines und Plätze für zukünftige Abfahrten zu finden, als den ganzen Tag in verspurten Hängen zu verschwenden.
Im patagonischen Winter ist es anders. Hier kannst du an Powdertagen den ganzen Tag neue Spuren in den Schnee ziehen, mitten im Skigebiet. Der Schlüssel ist hier, bereit zu sein, das warme, trockene Haus zu verlassen, sobald es das Wetter zulässt.
Die Strategie zum Skifahren in den weiter entfernten Bergen in Patagonien ist Speed, gute Vorbereitung und kompromissloser Einsatz und Wille. Hier muss du bereit sein Alles zu geben um dein Ziel zu erreichen. Nach dem Motto „todo o nada“ – Alles oder nichts!

Bei Alpinisten, die sagen „wir gehen los um es zu versuchen“ weißt du, sie waren schon mal hier und kamen enttäuscht zurück. Entweder wegen Versagens oder schlechtem Wetter.  Die, die das erste mal da sind sagen meistens selbstsicher: „wir werden den … besteigen!“ Aber auch sie werden es noch lernen.
Dadurch, dass die Chance auf einen Gipfel-Erfolg klein ist und Powdertage rar im Vergleich zu den Alpen, stellt sich die Frage warum Menschen zu solch rauen Orten zurückkehren. Woher kommt dieses Verlangen? Vielleicht ist es die Suche nach dem unerforschten Gelände und die Flucht in eine Welt ohne Stress, Balsam für die Seele. Hier musst du jeden Gipfel hoch laufen und hier gibt es nicht diese grausame österreichische Aprés-Ski-Kultur.
Patagonien ist, glaube ich, immer noch das, was man durch die Augen der ersten Skifahrer auch in den Alpen gesehen hat. Mancher wird sagen, das kannst Du alles auch noch bei uns finden. Stimmt, es gibt noch diese neuen Lines und abgelegenen Skitouren. Doch immer sind auch irgendwo Straßen und Lifte. Also, wieso sollte ich bei meiner Liebe zu Patagonien doch auch immer wieder nach St. Anton zurückkehren?
Naja, wenn also die zuvor erwähnten Dezembertage als Grund nicht reichen, dann gibt es ja immer noch die ruhigen Tage im April, wenn die Nordhänge mit perfektem Schnee und hochalpine Touren auf dich warten. Wenn der Sommer naht und die Sonne den Fels erwärmt, die Einheimischen wieder zum „normalen Leben“ zurückfinden und die Tage länger werden, dann machen lange Skitouren das Leben schön und friedlich.
Dann ist es genau so wie in Patagonien. Du musst nur den richtigen Moment abwarten und cool bleiben. Die Geduld zahlt sich aus. Wenn du ständig dem Powder hinterherläufst, bist du mit Sicherheit immer zu spät.

In Wahrheit haben beide Welten ihre Qualitäten. Die südländische „Onda“ und die Tirolerische Gemütlichkeit bringt die Menschen durch den Tag. Onda bedeutet so viel wie „Welle“ und beschreibt diese unbedarfte, südländische Energie, die den Argentiniern innewohnt. Die Tiroler Gemütlichkeit ist recht bodenständig und selbstbewusst.
Hier der Vergleich an einem Beispiel: Der argentinische Sessellift ist alt, rostig und läuft nicht immer. Geht er jedoch, so bringt er dich ins wahre Vergnügen. Der Tiroler Sessellift ist neu und geht immer, wird aber aus Sicherheitsgründen geschlossen wenn „zu viel“ Neuschnee liegt.
Frust und Rückschläge gibt es in beiden Welten, deshalb nimm es wie es kommt und hör auf zu Träumen. Und vor allem: Genieße in vollen Zügen: Vulkane, tiefen Powder, schnelle Lifte, keine Lifte, lange Gletscherüberquerungen zu entlegenen Orten oder die Zugfahrt zurück vom Langen nach einer total wahnsinnigen Waldabfahrt!
Der Arlberg, La Patagonia. Magische Namen, die von Kletterern oder Skifahrern oft genannt werden. Jeder träumt seine eigene Geschichte dieser legendären Orte.
Ich als Alpinist und Skifahrer bin täglich von dem Verlangen angetrieben, das beste aus beiden Welten herauszuholen.
Asado grillen in St. Anton und Tiroler Gröstl kochen in El Chalten.

Text: Jacob Slot
Fotos: Christian Penning und Jacob Slot

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